Ob der Zirus Archaos ein revolutionärer Erneuerer in der Zirkuslandschaft war oder ein Klassiker, darüber streiten die Geister immer noch. Der moderne französische Zirkus – gegründet 1986 von Pierrot Bidon – hatte den Anspruch, ein alternatives Programm ohne die typischen Tierdressuren und Clownsnummern zu zeigen. Hier ging es um modernes Theater, um spektakuläre Stunts mit Kettensägen, Feuer und ähnlichem. In Großbritannien fand der Zirkus Archaos durch die Beziehungen seines Gründers zu einem wichtigen Multiplikator sofort großen Zuspruch. Einfach was das der Start des Projekt allerdings nicht, denn ein Sturm, der das Zelt bei einer Tournee zerfetzte, stürzte das engagierte Archaos-Team bald in finanzielle Schwierigkeiten.
Anscheinend waren aber auch die inneren Strukturen des Projekts nicht sehr geordnet. Sicherheitsbestimmungen in den Auftrittsländern wurden nicht beachtet, wodurch die Kosten in die Höhe getrieben wurden. Der Standort des Zirkuszeltes war nicht immer klug gewählt. Er passte zwar zum Programm, aber das Publikum blieb zuweilen aus, weil es ihn nicht finden konnte. So kam die radikal wirkende “Poesie der Vorstadt” nicht immer an das geneigte Publikum. Ob alle Zirkusliebhaber mit düsterer Atmosphäre, lauter Rockmusik, absichtsvoll gestörten Akrobatikakten, dröhnenden Automotoren oder schrillen Kostümen etwas hätten anfangen können, weiß man nicht.
Den Teilnehmenden des Zirkus Archaos ging es um einen schnellen Rhythmus und ständig wechselnde Szenarios, die atemlose Spannung erzeugen sollten. Alles, was das Publikum sah, sollte an die ungeschliffenen Urformen des Zirkuslebens erinnern: An Gaukler, Akrobaten und Feuerschlucker auf den mittelalterlichen Jahrmärkten. Diese wurden radikal an die Moderne angepasst, indem modernes Instrumentarium verwendet wurde. Folglich kamen auch kaum Mitarbeiter des Projekts aus dem traditionellen Zirkusleben, sondern waren Autodidakten von der Straße. Sie hatten sich selbst bestimmte Akrobatiken oder Fingerfertigkeiten angeeignet und waren zum Teil sogar radikale Zirkushasser. Heutzutage kann der Zirkusbesucher wählen, ob er den traditionellen Zirkus mit seinem Standardprogramm bevorzugt oder moderne Zirkusformen wie Cirque du Soleil. Man findet heute weltweit poetische, avantgardistische oder experimentelle Zirkusprojekte nebem dem tradierten Zirkusverständnis.
Der Zirkus Archaos hatte nicht lange Bestand. Bald hatten sich unter den Artisten solch großte Konflikte entwickelt, dass diese zur Auflösung des radikalen Zirkusprojektes führten. Diverse Mitglieder des Projekts blieben in Großbritannien und schlossen sich anderen Gruppierungen der Unterhaltungsindustrie an. Der radikale Einfluss des Zirkus Archaos blieb allerdings erhalten. Es entstand eine neue britische Zirkusbewegung, die Elemente des Projektes aufnahm.

2010 zog eine Ausstellung zum Thema nicht nur zahlreiche ehemalige Artisten des innovativen Zirkusprojekts nach London. Anlass für die Präsentation von Fotos, Filmen und Tonaufnahmen des Zirkus Archaos war der Tod des Pierrot Bidon. Eine eigene Webseite für das Projekt entstand, um die Dokumentation seiner kurzen Geschichte allen zugänglich zu machen. Sein Gründer bezeichnete den Zirkus Archaos einmal grinsend als “blödsinnig” und “wahnwitzig”. Er wollte Anarchie, Überraschungseffekte und Chaos unter die allzu betulichen Zirkustraditionen mischen.