Der Begriff “Cirque Nouveau” stammt aus dem Französischen und bezeichnet solche Zirkusprojekte, die den tradierten Zirkusformen Neues entgegensetzen. Im Englischen nennt man die modernen Zirkusformen “Contemporary Circus”. Die Entwicklung der neuen Zirkusformen begann mit dem Zwanzigsten Jahrhundert. Statt traditioneller Pferdedressuren, Clownsnummern oder Akrobatik-Akte ging es nun um poetisches Zirkustheater, experimentelle, avantgardistische oder radikale Zirkusformen, die teilweise ganz mit tradierten Manegen-Akten aufräumen wollten.

Manchmal ging es um ein Thema, an dem sich das ganze Programm aufhängte. Die klassischen Tierdressuren waren eher selten Bestandteil der innovativen Zirkusprojekte. Stattdessen ging es eher um Ästhetik oder eine poetische Geschichte als Handlungsrahmen, in die neue Formen der Akrobatik, Rockmusik und alternative Technologien der Illusionisten eingewoben wurden. Bühnenbilder und Kostüme wurden dem innovativen Charakter ebenso angepasst wie die Spielstätten selbst. Teilweise wurde die traditionelle Manege ersetzt durch ein Spiel ohne Arena mitten im Publikum, das bei solchen Zirkusprojekten weitaus mehr einbezogen wurde.
Die ersten neuen Zirkusprojekte in Europa entstanden um 1970 in Frankreich. Zeitgleich gab es die ersten Projekte dieser Art auch in Australien, England oder den Vereinigten Staaten. Bekannt wurden unter anderem der “Ra-Ra Zoo” in London, der walisische “Nofit State Circus”, der aus Kanada stammende “Cirque du Soleil” sowie die Zirkusprojekte „Cirque Plume“ und der radikal-anarchische Zirkus „Archaos“ aus Frankreich, alle aus den achtziger Jahren. Später erlebte man den deutschen Zirkus Roncalli, den schwedischen “Cirkus Cirkör” oder das britische Punk-Fun-Zirkusprojekt “Skewed Circus”. Außerdem gab es zahlreiche außereuropäische Projekte innovativen Charakters. Das finanziell und programmatisch erfolgreichste Zirkusprojekt in der Publikumsgunst war zweifellos der “Cirque du Soleil”, der auch in Europa große Erfolge feiern konnte. Innovativ und spektakulär waren auch die Projekte des Österreichers Andre Geller.

Inwieweit traditionelle Zirkuselemente mit neuen Technologien oder Theatertechniken untermischt werden oder ob man ganz andere Ausdrucksformen für den Zirkus fand, ist von Projekt zu Projekt verschieden. Dank der innovativen Zirkuserlebnisse – zum Teil mit einem Dinner kombiniert – fand das Publikum aber neuen Spaß an der Manege. Manchmal musste es auch von dieser Abschied nehmen und ein Zirkusprojekt im angemieteten Variete-Theater besuchen. Unter dem Begriff “Extreme Circus” konnte man gewagte Stunts, Feuertänzer oder synchronisierte Trapeznummern sehen, die alles überboten, was man bisher kannte. Hier ging es mehr um Spektakel und Illusion, serviert im richtigen Ambiente. Der Nachwuchs ging auf Zirkusschulen und führte seine Kunst dann in modernen Zirkusprojekten wie der “Ecole Supérieure des Arts du Cirque” aus Belgien, dem Schweizer “Rigolo Nouveau Cirque”, dem “Centre National des Arts du Cirque” in Frankreich oder beim “Circomedi” in England vor. In den Niederlanden entstand die “Academy for Circus and Performance Art”, um dem wachsenden Anspruch an profunder Ausbildung gerecht zu werden. Es ging nicht mehr nur um Akrobatik, sondern man musste sich auch mit darstellender Kunst, Lichtanlagen, Sicherheitsbestimmungen, Gesetzen oder Kulissenbau auskennen.