Mo 9 Jan 2012
Geschichte und Bedeutung der Castells (Menschenpyramiden) in Katalonien
Geschrieben von admin unter Jonglage
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Die katalonischen Castells sind beeindruckende Pyramiden, die aus wagemutigen Menschen gebildet werden. Eine Burg aus Menschen, wie der katalonische Begriff Castell auch Burg bedeutet.
Die akrobatischen menschlichen Bestandteile eines Castells werden Castellers genannt. Sie steigen Mann für Mann auf die Schultern ihrer Unterleute, bis das Castell die gewünschte Höhe erreicht hat.
Ein Castell hat drei typische Konstruktionselemente: Die Pinya stellt die Basis des Castells. Pinya bedeutet “Zapfen”, diese breite Basis stützt die Baixos genannten Unterleute, auf denen die gesamte Last des Castells ruht. Die Anzahl der Unterleute bestimmt grundlegend den Aufbau des Castells, häufig sind die Baixos inmitten der Pinya allerdings kaum sichtbar. Sie werden umgeben von den Pinya-Castellers, die auf den Zuschauer wie ein ungeordneter Menschenhaufen wirken. In Wirklichkeit handelt es sich um ausgewählte Castellers, die an exakt bestimmten Positionen eingesetzt werden und genau ihre Aufgaben kennen. Auf die Pinya baut der Tronc (der Stamm) auf, der untere Teil des Castells. Dann kommt der Pom de Dalt, die Kuppel, die den oberen Teil des Castells bildet. Während zum Tronc unterschiedlich viele Ebenen mit gleicher Personenzahl gehören, besteht der Pom de Dalt aus den leichtesten Mitgliedern, den Canalla. Ganz oben bildet der kleinste Mitwirkende, der Enxeneta (das Eichhörnchen) die Turmspitze. Stolz zeigt er mit ausgestrecktem Arm die Vollendung des Aufbaus an. Diesem l’Aleta genannten Symbol folgt der rasche Abbau des Castells, da die untersten Mitglieder sehr große Belastungen aushalten müssen.
Die Castells gehören in Katalonien traditionell zum festlichen Rahmen, der bestimmte Anlässe begleitet. Castells werden zu den Feiern der örtlichen Schutzheiligen gebaut, den Festa Major. Auch zu Jahrestagen wird häufig eine Diada Castellera (Veranstaltung eines Castells) aufgeführt. Sie ist zugleich ein Wettstreit. Denn die Castellers bestehen aus organisierten Gruppen, den Colles Castelleres, bei jeder Diada Castellera messen sich mehrere Colles Castelleres, der eindrucksvollste Menschenturm gewinnt den Wettkampf. Die volle Punktzahl bekommt dabei nur ein Castell, der vollständig wieder abgebaut werden kann, jeder Einsturz vor dem vollständigen Aufbau, aber auch dem vollständigen Abbau, gibt Punktabzüge.
Die Tradition der Castells entwickelte sich im 18. Jahrhundert in der Stadt Valls, einem Ort im Nordwesten Spaniens (Provinz Tarragona). Hier liegt das Camp de Tarragona, eine historische Region, in der die Castells ihre Anfänge hatten. Von dort aus breiteten sich die Castells vor allem im Zuge der katalonischen Autonomiebestrebungen in den 1980er Jahren in ganz Katalonien aus. Teilweise trugen sie katalonisches Traditionsbewusstsein auch über die Grenzen Kataloniens hinaus.
Die Castells fungierten als wichtige Transporteure der eigenständigen Kultur und erlangten als Zeichen der Zusammengehörigkeit Kataloniens hohe Bedeutung. 1995 wurde diese Bedeutung durch ein Gesetz bestätigt, das das Camp de Tarragona zu einem der sieben Territorien der Autonomen Gemeinschaft Katalonien machte. Der integritätsstiftende Stellenwert der Castells ist in etwa zu vergleichen mit der der Sardana, des beliebten und bewahrten katalanischen Volkstanzes. Eine bedeutende Würdigung erlangten die Castells, als sie im November 2010 zum Immateriellen Weltkulturerbe der UNESCO erklärt wurden.


