Während Frauen in vielen gesellschaftlichen Bereichen um ihre Gleichstellung kämpfen mussten, waren sie in der Berufswelt des Zirkus oder Varietés von Beginn an integriert. Sie führten artistische Übungen unterschiedlichster Disziplinen aus und konnten innerhalb ihres Arbeitumfeldes von der Zirkusdirektorin bis hin zur Statistin alle hierarchischen Stufen bekleiden. Sie bezwungen als Dompteusen wilde Raubkatzen, führten aufwendige Kunststücke als Schulreiterinnen auf, hantierten mit exotischen Reptilien als Schlangenfrauen, tanzten filigran als Seiltänzerinnen und zeigten großes Geschick als Jongleusen. Vereinzelt waren sie auch als weibliche Clowns und Zauberinnen tätig. Bis heute führen Frauen diese artistischen Berufe auf der ganzen Welt aus.

Die Zirkus- und Varietéwelt zwischen dem 19. und frühen 20. Jahrhundert war stets ein Arbeitsplatz, der eine zukunftsweisende Freiheit mit einer hierarchischen Strenge verband. Weibliche Artisten konnten dort eigenständig tätig werden und manchmal ein gutes Einkommen haben. Jenseits jeglicher normativer Rollenverständnisse konnten ledige Frauen bereits damals in diesem Umfeld die Welt bereisen und alternative Lebensmodelle zum klassischen Frauenbild als Ehefrau und Mutter erproben. Viele sehr erfolgreiche Artistinnen verzichteten zu Gunsten ihres Ehrgeizes und Freude an der Kunst auf Heirat und Mutterschaft. Manche von ihnen lebten ohne Trauschein mit einem Mann zusammen oder in einer lesbischen Beziehung. Außerhalb der Artistenwelt wäre dies nahezu unmöglich gewesen. Dieses freie Leben war auf der anderen Seite jedoch an strikte Regeln und Hierarchien geknüpft, welchem sich das ganze Personal pflichtbewusst unterwerfen musste.

War die Artistenwelt seit jeher durch Freigeister geprägt, so fanden sich in ihrem Publikum vermehrt konservative Werte. Artistinnen präsentierten durch ihre spektakulären Vorführungen, dass Frauen zu ungeahnten Leistungen in der Lage waren. Sie fingen schwere Kanonenkugeln, schleuderten Männer in die hohe Luft und zeigten bei Trapezvorstellungen Todesmut. Den einen oder anderen regten die Artistinnen damit zum Nachdenken über das für selbstverständlich gehaltene Rollenverständnis an. Da ist es nicht verwunderlich, dass eine der berühmtesten und hartnäckigsten Frauenrechtlerinnen des ausgehenden 19. Jahrhunderts, die deutsche Schriftstellerin Lily Braun, in einer ihrer Argumentationen zur Erschließung der Berufswelt fürs weibliche Geschlecht die physische Stärke von Artistinnen aufführt. An konkreten Beispielen dürfte es der Frauenrechtlerin nicht gemangelt haben. Bekannte Artistinnen aus dem 19. Jahrhundert wie die Kunstreiterin Caroline Loyo, die Kraftfrau Elise Serafin Luftmann und die Löwendompteuse Claire Heliot fanden schon damals hohe gesellschaftliche Achtung und standen den heutigen Größen ihrer Disziplinen in nichts nach.